„Lipödem ist diese neue Modekrankheit, die es gar nicht gibt!“
Diesen Satz haben Frauen aus unserer Community in einer Umfrage genannt, als wir nach ihren Erfahrungen in Arztpraxen gefragt haben.
Und tatsächlich: Wer sich auf Instagram oder TikTok umschaut, kann den Eindruck bekommen, dass plötzlich sehr viele Frauen ein Lipödem haben.
Ist das also ein Trend? Oder eine Erkrankung, die lange übersehen wurde und jetzt endlich sichtbar wird?
In diesem Artikel schauen wir uns an, seit wann Lipödem bekannt ist, warum gerade so viel darüber gesprochen wird und welche Kritik tatsächlich berechtigt ist.
Ist Lipödem eine Modekrankheit? Die kurze Antwort
Nein. Lipödem ist keine Erfindung der letzten Jahre, sondern seit über 80 Jahren beschrieben und hat eine eigene medizinische Leitlinie.
Richtig ist aber auch: In der Fachwelt wird über einiges noch diskutiert, zum Beispiel darüber, wie häufig Lipödem wirklich ist und wie sicher es sich von anderen Veränderungen abgrenzen lässt. Beides gehört zu einer ehrlichen Antwort.
Seit wann ist Lipödem bekannt?
Erstmals beschrieben haben das Lipödem die US-amerikanischen Ärzte Edgar Allen und Edgar Hines im Jahr 1940. Schon damals fiel ihnen auf, dass fast ausschließlich Frauen betroffen sind und dass die Beine nicht nur an Umfang zunehmen, sondern auch schmerzen.
Die aktuelle S2k-Leitlinie Lipödem von 2024 verweist ausdrücklich auf diese Erstbeschreibung.
Neu ist also nicht die Erkrankung, sondern vor allem die Aufmerksamkeit, die sie bekommt.
Warum haben plötzlich so viele Frauen Lipödem?
Dass Lipödem heute präsenter ist als vor zehn Jahren, hat mehrere Gründe:
- Betroffene teilen ihre Geschichte. Über Social Media erfahren viele Frauen zum ersten Mal, dass es für ihre Beschwerden einen Namen gibt. Oft nach Jahren, in denen sie nur gehört haben, sie sollten abnehmen.
- Die Versorgung hat sich verändert. Seit 2020 ist die Liposuktion unter bestimmten Voraussetzungen im Stadium 3 Kassenleistung, zunächst als befristete Regelung. Mit dem G-BA-Beschluss vom 17.07.2025 wurde das auf alle Stadien ausgeweitet, mehr dazu in unserem Artikel Liposuktion bei Lipödem ab 01.07.2026.
- Es gibt eine neue Leitlinie. Seit 2024 haben Ärztinnen und Ärzte eine aktualisierte Grundlage für Diagnose und Behandlung.
Mehr Wissen führt oft zu mehr Diagnosen. Das heißt nicht automatisch, dass mehr Frauen erkranken. Es kann auch bedeuten, dass Frauen, die schon lange betroffen sind, heute schneller eine Erklärung finden.
Was an der Kritik dran ist
Ein Teil der Skepsis ist nachvollziehbar und es wäre unfair, sie einfach wegzuwischen:
- Es gibt keinen Labortest. Ein Lipödem wird klinisch diagnostiziert, also anhand von Beschwerden, Krankengeschichte und körperlicher Untersuchung. Das macht die Diagnose anspruchsvoller.
- Lipödem und Adipositas können gleichzeitig auftreten. Dann ist es schwerer zu unterscheiden, welche Beschwerden wozu gehören.
- Die Häufigkeit ist unsicher. Oft liest man, etwa jede zehnte Frau sei betroffen. Das ist allerdings eine Schätzung und die Angaben in der Fachliteratur gehen weit auseinander.
- Fachleute diskutieren offen. Einige Medizinerinnen und Mediziner haben die Diagnose in den letzten Jahren kritisch hinterfragt, etwa mit Blick auf die Rolle von Übergewicht und psychischer Belastung. Andere schlagen sogar einen neuen Namen vor, der den Schmerz stärker betont.
- Social Media kann auch verunsichern. Nicht jede Frau, die sich in einem Video wiedererkennt, hat ein Lipödem. Eine Selbstdiagnose ersetzt keine ärztliche Untersuchung.
Diese Debatte zeigt: Die Forschung zum Lipödem ist noch nicht abgeschlossen. Sie zeigt aber nicht, dass es die Erkrankung nicht gibt.
Was die Leitlinie zum Lipödem sagt
Die S2k-Leitlinie von 2024 schafft an einigen Stellen Klarheit:
- Lipödem ist immer schmerzhaft. Druckschmerz, Spontanschmerz und ein Schweregefühl gehören zur Diagnose. Eine Fettvermehrung ohne diese Beschwerden gilt nicht als Lipödem.
- Lipödem ist keine Folge von Übergewicht und verursacht auch keines. Beides kann aber zusammen vorkommen.
- Die Diagnose wird klinisch gestellt. Bildgebund ist im Regelfall nicht nötig.
- Die Stadien beschreiben das Aussehen, nicht die Schwere der Beschwerden. Mehr dazu in Lipödem Stadien verständlich erklärt.
Gerade der erste Punkt ist wichtig: Die Leitlinie zieht damit eine klare Grenze zu einer reinen „Figurfrage“.
Lipödem oder Übergewicht: Warum die Unterscheidung wichtig ist
Die richtige Einordnung entscheidet darüber, welche Behandlung sinnvoll ist. Typisch für ein Lipödem sind eine symmetrische Fettverteilung an Beinen und/oder Armen, Druckschmerz und eine Neigung zu blauen Flecken.
Wie Sie Lipödem von anderen Erkrankungen abgrenzen, lesen Sie in unserem Artikel Lipödem klar abgrenzen: Unterschiede zu Lymphödem und Adipositas. Besonders schwierig kann die Unterscheidung in den Wechseljahren sein. Mehr dazu in Lipödem und Wechseljahre.

Wenn Sie mit „Modekrankheit“ abgewiesen werden
Viele Frauen kennen das Gefühl, mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen zu werden. Das kann helfen:
- Beschwerden aufschreiben: Was tut wann weh, seit wann und was macht es besser oder schlechter?
- Eine spezialisierte Praxis suchen: Phlebologische oder lymphologische Praxen kennen sich mit Lipödem aus.
- Auf die Leitlinie verweisen: Es gibt eine aktuelle medizinische Leitlinie, auf die Sie sich im Gespräch beziehen können.
- Eine zweite Meinung einholen, wenn Sie sich nicht gut beraten fühlen.
Wie Sie mit der Diagnose und allem, was dazugehört, umgehen können, lesen Sie in Umgang mit der Lipödem-Diagnose.
Fazit: Mehr Aufmerksamkeit, keine Mode
Lipödem ist keine Modekrankheit, sondern eine seit Jahrzehnten bekannte Erkrankung, über die endlich offener gesprochen wird. Dass Fachleute einzelne Fragen noch diskutieren, ist normal für ein Krankheitsbild, das lange wenig erforscht wurde.
Für Betroffene heißt das: Ihre Beschwerden verdienen eine sorgfältige Untersuchung und kein vorschnelles Etikett, weder „Modekrankheit“ noch eine Selbstdiagnose aus dem Netz.
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LIPOELASTIC TEAM 

